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Rêvebir_E · vor 13 Jahren
Nezam · 30.11.2010 · 2 Aufrufe
Als Ministerin in der kurdischen Regionalregierung im Irak ist Chnar Saad Abdullah zuständig für die Aufarbeitung der tödlichen Giftgas-Angriffe auf Kurden vor 22 Jahren. Lernen will sie dabei auch vom Umgang der Deutschen mit ihrer Geschichte.
Klaus Pokatzky: Im Studio begrüße ich nun Chnar Saad Abdullah, Soziologin und Gründerin eines Instituts für Genozidforschung im kurdisch-irakischen Arbil - herzlich willkommen Frau Saad Abdullah!
Chnar Saad Abdullah: Ich bedanke mich sehr herzlich für die Einladung und die Möglichkeit, hier zu sein, ich freue mich sehr!
Pokatzky: Sie hatten gerade Ihre Doktorarbeit über die Massenvernichtung der Kurden durch Saddam Hussein beendet, als Sie 2006, also vor vier Jahren, zur Ministerin für Anfal und Märtyrer in der kurdischen Regionalregierung benannt wurden. Was konnten Sie in diesem Amt erreichen?
Abdullah: Zuerst war das keine leichte Aufgabe, denn das Ministerium ist erst in dem Moment sozusagen gegründet worden und entwickelt worden, als ich dorthin kam. Wir haben zunächst das Ministerium erst mal ganz neu aufbauen müssen, wir haben verschiedene Abteilungen gegründet - für Forschung, für Statistik. Wir haben die Pensionen der Überlebenden, der Opfer erhöht, wir haben eine Abteilung für soziale Arbeit, soziale Unterstützung der Opfer eingerichtet, aber auch jetzt noch gibt es viel zu tun, denn wir sind immer noch am Anfang mit dieser Arbeit.
Pokatzky: Wenn wir jetzt mal eine Bilanz ziehen könnten, 22 Jahre nach Anfal, wie würden Sie den Stand der Aufarbeitung dieser schrecklichen Vergangenheit bilanzieren - ist er gelungen, ist noch viel zu tun oder ist er völlig misslungen?
Abdullah: Obwohl Anfal jetzt bereits 22 Jahre zurückliegt, würde ich sagen, wir stehen immer noch ganz am Anfang mit der Aufarbeitung. Es gibt viel zu tun in vielen Bereichen. Wir müssen Entschädigungen leisten für die Opfer, das ist ein wichtiger Bereich, wir müssen die Geschichte historisch aufarbeiten, wir müssen den Angehörigen und Opfern und Überlebenden der Anfal-Operation Hilfe leisten - bei all diesen Dingen stehen wir noch am Anfang.
Pokatzky: Wie vielen Personen muss denn Entschädigung geleistet werden, wie viele Menschen sind das?
Abdullah: Also das ist eins der Probleme, dass wir keine verlässlichen Zahlen und Statistiken bislang haben, aber alle die Menschen, die Angehörige verloren haben während Anfal und die selbst davon betroffen waren, sollen nach unserer Meinung eine Entschädigung bekommen. Die Entschädigung muss die irakische Regierung bezahlen oder leisten, und wir haben das vielfach beantragt bei der irakischen Regierung. Leider hat die irakische Regierung bislang keine Entschädigungen gewährt, weil sie sagen, sie haben dafür nicht die Mittel.
Pokatzky: Aber die meisten Dörfer, die damals zerstört wurden - es waren ja über 4000 Dörfer -, sind doch inzwischen wiederaufgebaut worden. Wie passierte das?
Abdullah: Die Dörfer sind wiederaufgebaut, aber auch dort ist noch viel zu tun, denn sie sind natürlich nicht so wiederaufgebaut, wie sie vor Anfal bestanden haben, und es gibt viele Dörfer, in denen Anfal passiert ist, wo bis heute auch nur wenige Häuser wiederaufgebaut worden sind und insbesondere die jungen Leute keine Anreize haben, dorthin zurückzugehen. Und das ist eines unserer großen Probleme auch.
Der Wiederaufbau der Dörfer, die während Anfal zerstört worden sind, hat auch mit der irakischen Regierung keine Verbindung, das ist alles von der kurdischen Regionalregierung geleistet worden, der Wiederaufbau.
Pokatzky: Sie besuchen ja jetzt hier in Deutschland unter anderem die Birthler-Behörde, die die alten Stasiakten der DDR verwaltet, Sie haben besucht das Archiv des Auswärtigen Amtes, das Berliner Holocaust-Mahnmal steht auf der Tagesordnung und das Bundesarchiv in Koblenz. Was haben Sie davon mitgenommen für Ihren Versuch, Vergangenheit in der Kurdenregion im Irak aufzuarbeiten?
Abdullah: Also wir können sehr viel hier von der hiesigen Erfahrung lernen, insbesondere ist für uns interessant die Dokumentation, die Archivierung von Dokumenten des Regimes, da können wir sehr viel von dem System hier lernen, wie das hier gemacht worden ist, aber auch der Bau von Mahnmälern und Denkmälern und wie das auch weitergegeben wird in der Gesellschaft, das ist eine Erfahrung, die für uns sehr wichtig ist und wo wir uns auch erhoffen, dass Leute aus Deutschland zu uns kommen und unsere Mitarbeiter fortbilden und ausbilden, wie wir damit umgehen können. Und bis jetzt ist es leider noch wenig Austausch. Es gibt einige Projekte, die von Deutschland unterstützt werden, wie zum Beispiel das Projekt von Haukari, das Erinnerungsforum Anfal, und wir wünschen uns da sehr viel mehr Austausch, weil wir sehr viel von der deutschen Erfahrung lernen können.
Wir sehen einige Parallelen zwischen der deutschen Erfahrung und der irakischen Erfahrung, also die Nazidiktatur hier und das Baath-Regime im Irak, dessen Herrschaft, da sehen wir einige Parallelen, wo wir voneinander lernen und uns gegenseitig austauschen können.
Pokatzky: Welche Akten, welche Dokumente gilt es denn im Irak speziell jetzt aufzubewahren und davor zu bewahren, dass sie vernichtet werden?
Abdullah: Also die Dokumente, die für uns besonders wichtig sind zu archivieren, sind die Dokumente des Regimes über den Giftgasangriff auf Halabdscha, über die Anfal-Operationen, über die Vertreibung der Feili-Kurden aus dem Irak, über die Angriffe gegen die Barzani-Kurden - also all diese verschiedenen Katastrophen, die wir erlebt haben, dazu möchten wir die Dokumente archivieren.
Pokatzky: Gibt es denn im Irak auch so eine Schlussstrichmentalität, möchte man vielleicht im Irak auf höheren Ebenen vielleicht nicht einfach sagen, so, das war vor 22 Jahren, vergessen, Schluss?
Abdullah: Nein, ich glaube nicht, dass wir im Irak von einer Schlussstrichmentalität sprechen können. Unsere Geschichte ist voller Wunden, im gesamten Irak. Das Land ist zerrissen und es ist viel zu wenig bislang zur Vergangenheit gearbeitet worden und aufgearbeitet worden, als dass wir schon heute darüber sprechen könnten, einen Schlussstrich zu ziehen.
Das betrifft ja nicht nur uns Kurden, dass wir diese schlimme Geschichte haben, das betrifft genauso auch zum Beispiel die Schiiten im Irak, die Opfer von vielen Verbrechen gewesen sind und die heute ihr Recht fordern, die Entschädigungen fordern - also das betrifft viele Gruppen im Irak. Weil die Kurden und die Schiiten sind Opfer von Genozid im Irak geworden.
Pokatzky: Wenn wir über den juristischen Aspekt sprechen - Saddam Hussein und einige Führungspersönlichkeiten sind verurteilt und teilweise hingerichtet worden, aber was ist denn mit den kleinen Tätern, den Soldaten, die damals geschossen haben, den Organisatoren der Massaker oder vielleicht ja auch mit den Kollaborateuren unter den Kurden, die mitgemacht haben?
Abdullah: Also es gibt natürlich Listen von Namen von vielen Menschen, die aktiv beteiligt waren an den Verbrechen, und die sind wir auch dabei zu sammeln und zu dokumentieren, aber bislang hat es keine Gerichtsverhandlung gegen diese Leute gegeben. Und natürlich ist die Geschichte sehr kompliziert, weil viele von denen, die damals Täter waren, sind heute auch wieder in Machtpositionen im Irak.
Pokatzky: Welche Erinnerung haben Sie denn selber an die Zeit vor 22 Jahren?
Abdullah: In der Zeit war ich ein Kind, ich war noch klein, und ich war auch nicht in Kurdistan, ich war im Iran, weil mein Vater war ein Widerstandskämpfer und wir waren in der Opposition. Aber ich kann mich gut erinnern vor allem an den Giftgasangriff auf Halabdscha und die Menschen, die dann auch in den Iran gekommen sind, die Verletzten, die Überlebenden, und das war für mich als Kind eine sehr schlimme Erfahrung, diese Menschen zu sehen.
Und auch im Iran war die Situation schwierig für mich als Kind. Ich habe mich immer als Fremde gefühlt, wir haben auch oft zu spüren bekommen, dass wir als Kurden sozusagen nicht erwünscht sind, und ich habe sehr viel gestritten mit anderen Kindern in der Schule, weil ich Kurdin war.
Pokatzky: Was haben Sie empfunden, als Saddam Hussein am 30. Dezember 2006 hingerichtet wurde?
Abdullah: Ich war unruhig, es hat mir nicht gefallen, dass Saddam auf diese Weise hingerichtet wurde. Und ich war auch traurig in meinem Herzen, weil ich mich gefragt habe, wie kann das sein, dass ein Mensch so viel Unglück über die Menschen bringt und so viele Verbrechen begeht wie er. Und es hat mir im Herzen wehgetan, dass ein Mensch in diese Situation kommt, dass er dann wie ein Tier alle Menschenrechte verliert.
Pokatzky: Aber die Tatsache, dass er hingerichtet wurde, war das für Sie eine Befriedigung?
Abdullah: Ja, ohne Zweifel. Ich bin der Meinung, wenn ein Mensch zum Beispiel eine Krankheit hat am Arm, muss man den Arm abnehmen, sonst wird der ganze Körper von der Krankheit befallen. Und Saddam hat über den Irak eine Krebskrankheit gebracht. Und wenn er nicht hingerichtet worden wäre, hätte das dem Irak geschadet.
Quelle:http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/thema/1331500/
Rêvebir_E · vor 13 Jahren
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Rêvebir_E · vor 14 Jahren
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